Elisabeth Brockmann: Die leuchtende Leinwand

Zur permanenten Sammlung des MAKK _ Museum für Angewandte Kunst gehören zwei Arbeiten der Düsseldorfer Künstlerin Elisabeth Brockmann: Vor zwei Jahren hatte sie zwei Leuchtkästen fertig gestellt, die sich auf Objekte aus der Sammlung beziehen und die dauerhaft in die Museums-Architektur eingepasst wurden. Die eine markiert den Eingang zur Design-Sammlung und die andere ist im Café zu finden. Zusätzlich sind jetzt im Eingangsbereich zwei Arbeiten zu sehen, ein Querformat [130 x 200 x 11 cm] und eine Stele mit einem Leuchtkasten [277 x 30 x 16 cm]. Sie sind eine Art Einleitung zu dem Hauptausstellungsraum. Beide Werke sind fotografische Arbeiten mit Referenz zu natürlichen Phänomenen wie Luft und Himmel, Wolken und Wasser. Wie bei allen Arbeiten dieser Ausstellung handelt es sich um digitale Fotomontagen. Elisabeth Brockmann sammelt ihre Eindrücke nicht nur in Natur- und Kulturräumen, sondern auch in ihren Studio. Dort experimentiert sie wie in einem alchemistischen Labor mit Material und Form, Raum und Licht, Skalierung und Perspektive. Mit der Kamera folgt sie diesen analogen Improvisationen und generiert ihr fotografisches Ausgangsmaterial, das sie am Bildschirm nachbearbeitet. Schon die ersten Arbeiten der aktuellen Ausstellung lassen erkennen, dass sich die Kompositionen von Elisabeth Brockmann durch ausgewählte Farbräume, intensive Farbigkeit und hohe Kontraste auszeichnen. In der laufenden Ausstellung zeigt sie eine Reihe von neuen Arbeiten.

An drei von vier Wänden des Hauptausstellungsraumes sind 5 großformatige Fotografien montiert und frei im Raum positioniert sind 21 Fotografien in Leuchtkästen auf dunklen Stelen. In der Vorbereitung zur Ausstellung hatte sie im Lager des Museums ein Arsenal an temporär nicht genutzten Vitrinen entdeckt, die zum Ausgangsmaterial ihrer neuen Installation wurden. Sie nimmt den Vitrinen ihre Transparenz, indem sie sie mit einem dunklem Textil bespannt. Mit einer LED-Flutleuchte im Innern werden die Vitrinen zu Leuchtkästen. Das Textil fungiert zugleich als Leinwand für die fotografischen Drucke der zwei Serien. Die eine zeigt Variationen leuchtender Scheinwerfer und deren Kontexte, die andere Variationen über einen Plexiglaswürfel und dessen Interaktion mit wechselnden Umgebungen und Materialien, In der künstlerischen Überarbeitung werden sie zu Bildwerken ohne Narrativ.

Die Wandarbeiten sind von 150 x 180 cm bis 200 x 300 cm groß und so ausgeleuchtet, dass sie wie aus sich heraus leuchtende Farbtableaus erscheinen. Dazu arbeitet Elisabeth Brockmann mit einem thermischen Farbdruckverfahren, mit dem sie eine besonders hohe Farbsättigung und eine große Farbtiefe erreichen kann. „Die signifikante Dichte der Farbpigmente reflektiert das Licht ohne das Lichtreflexe entstehen“, begründet sie die Auswahl von Material und Technologie.

Den aktuellen Ausstellungsraum hat sie verdunkelt und ihre Arbeiten als leuchtende Screens in den Raum choreografiert. Die Besucher_innen können zwischen den Stelen flanieren und sich den einzelnen Arbeiten aus verschiedenen Blickwinkeln und Sehzusammenhängen nähern. Der Grundstein für das kinematographische Momentum in ihren Arbeiten wurde unmittelbar nach dem Studium in Paris gelegt. Nach Abschluss des Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf 1981 erhielt sie ein Stipendium und reiste nach Paris. Statt im Atelier an der Staffelei zu arbeiten, ging sie ins Kino und begann sich mit Fotografie, Film und Projektion auseinanderzusetzen. „Ein halbes Jahr lang saß ich in diesem schönen großen hellen warmen Atelier mit Blick auf die Seine und habe keinen Pinsel angerührt. Die Staffelei war meine Kleiderablage. Stattdessen ging ich von mittags bis abends ins Kino – serienweise Humphrey Bogart, James Dean, Marlon Brando und wie die Stars alle hießen. Und dann gab es diese Buchläden, in denen man die Filme Szene für Szene in Buchform kaufen konnte, eine Art Daumenkino für Cineasten. Da hatte ich mein Thema gefunden. Ich habe die Bilder abfotografiert, vergrößert, Fotos von mir in den passenden Posen gemacht und mich an die Stelle von Ingrid Bergman, Lauren Bacall und so weiter montiert. Fotomontage ging damals noch mit Nagelschere und Klebstoff. Das Ganze habe ich dann wieder abfotografiert und zu Filmplakat-Größe aufgeblasen.“, beschreibt Elisabeth Brockmann diese Zeit in einem Interview mit Martin von Wiesenbach . Die leuchtende Leinwand ist zu einem Auszeichnungsmerkmale von Elisabeth Brockmann geworden _ ob als Ausstellungsobjekt wie im MAKK oder als Architekturintervention wie am Bayrischen Staatsschauspiel München [2000], am Albertinum in Dresden [seit 2002] oder in der Stadt Friedberg [seit 2016]. Ob als Objekt, als Fensterbild oder als Architekturelement, sie integrieren sich formal in den gebauten Raum und transformieren mit ihrer Leucht- und Bildkraft vertraute Raum- oder Stadtansichten.

Brockmann lebt und arbeitet in einem Atelier in der Düsseldorfer Innenstadt. In ihrer künstlerischen Arbeitsweise ist sie sehr konkret. Sie experimentiert und improvisiert mit Material, Licht und Raum bis sie den Moment findet, in dem der Bildgegenstand sich aus seinem Produktionszusammenhang löst und eigenständig wird. Diese Art von „Fundstücken“ unterzieht sie wochenlangen, wiederholten Betrachtungen und Bearbeitungen, in denen sich das Bildwerk in den Augen der Bildautorin bewähren muss. Im Gespräch mit dem Journalisten Thilo Wydra erklärte sie, dass die Balance zwischen Kalkül und Emotionalität zu den Parametern guter Kunst gehört. So ist auch ihre Arbeitsweise durch einen verzweigten Prozess von Experimentieren und Improvisieren, Sammeln und Sortieren, Begutachten und Bearbeiten gekennzeichnet. „Freiheit, Raum und Licht“ ist der Titel der Ausstellung, die noch bis zum 8. April 2018 im MAKK zu sehen ist, auch während der COLLUMINA Öffnungszeiten vom 22. bis 23. März 2018, 10.00 Uhr bis 24.00 Uhr, am 24. März 10.00 Uhr bis 23.00 Uhr. „Neben meinen Arbeiten ist der Ausstellungstitel ist eine Art zusätzlicher Reiz für die Ausstellung“, sagte Elisabeth Brockmann im Künstler_innen-Gespräch am 1. März 2018. „Mir geht es darum, keine Richtlinien oder Sehweisen vorzugeben, sondern ich freue mich, wenn die Besucher_innen sich zum Sehen und Spekulieren anregen lassen.“

[Text: Bettina Pelz. 5. März 2018.]



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