Aymen Gharbi: Interview mit Sonia Kallel

Wie wählst du dein Thema?

Ich wähle kein Thema, meistens finde ich etwas, das mich so sehr interessiert, dass es zwingend wird.

In deinen Arbeiten wie “Tafkik“, die COLLUMINA Arbeit, aber auch „Tisser la Medina“, die INTERFERENCE Arbeit, oder „La robe idole de Sejnane“ oder „Quelle robe pour demain?“ spielen Textilien und Stoffe eine wichtige Rolle. Was fasziniert dich an Faden und Gewebe, dass du dich über viele Jahre darauf konzentrierst?

Der „Faden“ stand immer im Mittelpunkt meines Interesses. Ich habe mein Studium mit einem Abschluss in Modedesign in Toulouse begonnen, Nähen ist ein Bereich, der mich schon immer fasziniert hat. Mit der Zeit hat sich meine Wahrnehmung verändert. In meiner Doktorarbeit habe ich mich auf den menschlichen Körper als soziales Produkt konzentriert; dann wurde mir klar, dass das Nähen auch mögliche Verbindungen zwischen aktiven Menschen herstellt. …

„La robe idole de Sejnane“, eine Arbeit mit Töpferinnen aus der Region Sejnane im Nordwesten von Tunesien im Rahmen einer Künstle_innen-Residenz 2011 hatte einen starken Einfluss auf meine Praxis. Die Arbeit mit diesen 80 außergewöhnlichen Frauen ist eine prägende Lebenserfahrung für mich. Das menschliche Miteinander war der Auslöser dafür. In der letzten Zeit ist es die Medina von Tunis, die mich täglich mit Material versorgen … die Bewohner_innen, die Handwerker_innen, die Händler_innen, die Orte und die unendlich vielen Geschichten. Das bedrohte kulturelle Erbe, das unglaubliche Veränderungen und Mutationen erfahren hat, mich inspiriert.

Seit ein paar Jahren arbeitest du auch digital und stellst neue Verbindungen zu dem traditionellen Handwerk her. Steckt dahinter die Idee, eine bestimmte Ästhetik zu entwickeln, oder gibt es noch andere Intentionen?

Digital zu arbeiten ist nicht nur ein ästhetisches Bedürfnis, es ist eine Sprache der Gegenwart, sie bietet vielfältige und unendliche Möglichkeiten … Die Frage des kulturellen Erbes ist für mich wesentlich. Wir erleben den Verlust von Wissen, von historischen Orten … vieles verschwindet und geht verloren … Die digitale Technologie erlaubt es uns, Daten zu transkribieren und zu transponieren, zu entwickeln, zu träumen … Ich interessiere mich für den Übergang von einem Know-how, wie die die Hand zur Maschine wird und was geschieht, wenn ich die gleichen Gesten digital wiederhole. So entsteht eine außergewöhnliche Symbiose zwischen Gestik und Materie, wiederholter Bewegung und „Arbeitsmusik“ …

Der transdisziplinäre Ansatz ist in deinen Arbeiten der letzten Jahre sehr präsent und du verbindest Grafik und Handwerk mit performativen Aspekten. Wie siehst du das?

Meine Arbeit ist das Ergebnis einer Erfahrung, die sich im Laufe der Zeit entwickelt, manchmal kommt die Idee direkt wie beim Schreiben. Meine interdisziplinäre Ausbildung hat mir die Türen geöffnet. Die Kreuzung der Disziplinen ist ein Reichtum. Von der Erde zum Nähen, von der menschlichen Beziehung zur Grafik, von der unbewussten gestischen Wiederholung zum konzeptualisierten Algorithmus … Alles ist möglich!

Was ist dein Treibstoff? Was macht dich glücklich?

Menschliche Erfahrung.



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